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Das digitale Fortbildungsangebot überzeugt

Der Landes-Segler-Verband Baden-Württemberg hat vor der Corona-Pandemie nicht resigniert, sondern die Zwangspause im vergangenen Jahr dafür genutzt, als erster Landesverband sein Fortbildungsangebot auf digitale Füße zu stellen.

Jürgen Graf, Stellvertretender Vorsitzender und Verantwortlich für den Bereich Wettsegeln, der Beisitzer für Lehrwesen, Daniel Eisl sowie der Landesjugendobmann Fabian Bach und Anette Bengelsdorf unterhalten sich darüber, wie sich eine Idee zum Erfolgsmodell entwickelt hat.

Gehe ich recht in der Annahme, dass der Verband bei der Digitalisierung nicht bei null angefangen hat, sondern auf existierende Strukturen aufbauen konnte?

Fabian Bach: Tatsächlich nutzen wir schon seit mehreren Jahren einen Cloudspeicher für die Bereiche Wettsegeln, Trainerausbildung und Jugend. Dropbox oder andere Anbieter waren aufgrund des begrenzten Speicherplatzes in den kostenlosen Versionen aber keine Lösung. Deshalb hielten wir Ausschau nach einer IT-Firma, die uns eine eigene Cloud auf einem eigenen Server einrichten konnte. Seither arbeiten wir mit „Nextcloud“ einem kostenlosen Open-Source-Programm, das auch in anderen öffentlichen Einrichtungen verbreitet ist. Somit bezahlen wir nur für den Platz auf dem Server in einem deutschen Rechenzentrum. Das sind rund 40 Euro im Monat, zuzüglich Kosten für gelegentlichen Support und die Installation von Updates.

Wofür wird der Cloudspeicher genutzt?

F.B.: Wir hielten es schon damals für sinnvoll, dass beispielsweise in den Ausbildungsseminaren alle Teilnehmer von ihrem Laptop aus auf Unterlagen zugreifen können. Zudem wollten wir ihnen auch für zuhause papierlos Aufgaben stellen konnten.

Hat sich das digitale Arbeiten im Verband durchgesetzt?

F.B.: Inzwischen nutzt auch die Geschäftsstelle, der Vorstand und der Leistungssport dieses Angebot, um Mitteilungen, Fotos, Lehrmaterialien, Verbands- oder Pressetexte zu teilen. Auch jeder Mitgliedsverein hat mit einem vereinsspezifischen Benutzerkonto Zugriff auf für ihn freigegebene Ordner und Dokumente.
Daniel Eisl: Eine große Errungenschaft war, dass Klausuren von Ausbildungsveranstaltungen ab sofort eingescannt und geteilt werden konnten. Die Prüfer konnten darauf ortsunabhängig zugreifen und von zuhause korrigieren. Auch hatte es große Vorteile, dass Ausbildungsunterlagen gemeinsam in der Cloud erarbeitet werden konnten.

Damit konnten aber noch keine Online-Seminare durchgeführt werden?

F.B.: Vergangenes Jahr im März machten wir uns erst einmal auf die Suche nach einem Video-Konferenz-Tool und entschieden uns für „GoToMeeting“, dass auch vom Deutschen Segler-Verband verwendet wird. Wir kauften eine Lizenz und nutzten es parallel zu unseren existierenden Strukturen. Im Sommer war dann aber klar, dass wir nicht nur unsere Zusammenkünfte, sondern auch unsere Seminare digitalisieren mussten.

Das hat mit GoToMeeting aber nicht funktioniert?

F.B.: Nein, GoToMeeting eignet sich eigentlich nur für Konferenzen und bietet keine Optionen für mehr Interaktion, wie wir uns für einen lebendigen Unterricht gewünscht haben. Im Spätsommer machte uns ein Jugendsprecher auf Big Blue Button aufmerksam. Der Staat stellt dieses System über Moodle den Schulen zur Verfügung und es ist speziell auf die Online-Lehre abgestimmt. Auch unser IT-Spezialist war damit vertraut und konnte es uns empfehlen. Wir bekamen eine Testversion und waren schnell überzeugt. Auch Big Blue Button ist ein Open-Source-Programm und damit kostenlos.

Ließ sich das mit der existierenden Serverkapazität realisieren?

F.B.: Nein, wir brauchten dafür einen eigenen, separaten Server. Dieser hat eine Kapazität für 130 bis 140 Teilnehmer, bei gleichzeitig 15 bis 20 aktiven Webcams.

Welche Vorteile bietet Big Blue Button gegenüber anderen, vergleichbaren Systemen?

Jürgen Graf: Innerhalb des Systems können wir so viele Räume einrichten wie wir wollen. Andere Systeme fordern Lizenzgebühren für jeden einzelnen Raum. Mit nur einem einzigen Raum hätten wir uns aber innerhalb des Verbands immer absprechen müssen. Gerade so als hätte uns nur ein einziger Schulungsraum in der analogen Welt zur Verfügung gestanden.
Big Blue Button ermöglicht es, jeden Raum nochmals in Unterräume zu unterteilen. Deshalb können wir jetzt wie im Präsenzunterricht Gruppenarbeit machen. Wir verteilen die Gruppen auf verschiedene Unterräume, in denen jede ihre eigenen Aufgaben macht. Danach können wir wieder zusammenkommen und die Ergebnisse vergleichen. Aber auch Kurzumfragen sind möglich, das Teilen von Videos und anderen Inhalten oder auch das gemeinsame Arbeiten auf einem virtuellen Whiteboard usw.
Daniel Eisl: Ausbilder haben sogar die Möglichkeit durch die einzelnen Räume zu gehen, um sich ein Bild vom Fortgang der Arbeit zu machen.

Lohnt sich denn der ganze Aufwand, wenn man bedenkt, dass irgendwann auch Präsenzunterricht wieder möglich ist?

J.G.: Auch wenn Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind, wollen wir parallel dazu weiterhin digitale Unterrichtsangebote machen. Von November bis März haben wir über 40 Module zu je zwei bis drei Unterrichtseinheiten für die Wettfahrtleiter- und Schiedsrichterfortbildung durchgeführt. Etwa ein Drittel der Teilnehmer kommt aus anderen Bundesländern. Das freut uns sehr, so viele neue Gesichter und frische Ideen dabei zu haben. So manches Modul hätte ohne den Zulauf von außen gar nicht stattfinden können. Mit dem digitalen Angebot können wir auch viel leichter Module mit wenig Anmeldungen zusammenlegen. Präsenzmodule mussten in der Vergangenheit dagegen oft abgesagt werden. Wir hoffen auch, dass wir mit diesem niederschwelligen Angebot ohne weite Anreise und Übernachtung im Hotel, auch zukünftig mehr Wettfahrtleiter und Schiedsrichter dazu bringen können, sich regelmäßig fortzubilden.

Dass Entfernungen im virtuellen Raum keine Rolle spielen bringt sicher nicht nur den Teilnehmern Vorteile?

J.G.: Richtig, jetzt spielt es auch keine Rolle mehr, woher die Referenten kommen. Ein Trainer aus Brandenburg wäre sicher nicht für ein Wochenende an den Bodensee gereist.

Server und Referenten gibt es aber sicher nicht zum Nulltarif?

F.B.: Sicher nicht. Um die 85 Euro kostet uns der Server für Big Blue Button monatlich an Miete. Doch rechnet man eingesparte Fahrtkosten dagegen, lohnt sich die Investition allemal.
Selbstverständlich können wir mit einem Teilnehmer-Eigenanteil von 5 Euro pro Unterrichtseinheit nicht kostendeckend arbeiten. Digitaler Unterricht braucht etwa die doppelte Vorbereitungszeit. Denn vieles was im Laufe des Präsenzunterrichts entsteht muss jetzt im Voraus erarbeitet werden und die Referenten brauchen die technischen Voraussetzungen dafür. Deshalb bekommen sie von uns eine Aufwandsentschädigung.

Wenn ich euch richtig verstehe, sind die digitalen Fortbildungsangebote ein Erfolgsmodell?
D.E.: In der Trainerfortbildung haben wir inzwischen Wartelisten, da diese auch Jugendleitern ohne Lizenz offenstehen. Jetzt klinken sich auch viele Helfer aus verschiedenen Vereinen ein, die bisher nie in Erscheinung getreten sind.
Aber mehr als zehn Teilnehmer pro Modul machen im digitalen Unterricht keinen Sinn, möchte man effektiv und interaktiv arbeiten. So kann jeder seine Webcam einschalten und wir können alle Teilnehmer sehen. Lieber bieten wir ein Modul zwei- bis dreimal an.

Haben Ihr darüber nachgedacht, die Teilnehmerzahl aus anderen Bundesländern zu begrenzen?

F.B.: Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Kleine Verbände haben vielleicht weder die finanziellen Mittel, noch die personellen Ressourcen um etwas Vergleichbares auf die Füße zu stellen. Deshalb haben wir alle Verbände angeschrieben und mitgeteilt, dass jeder Interessent bei uns teilnehmen kann. Für uns ist das ein Geben-und-Nehmen.

Klingt ja alles extrem positiv. Gibt es überhaupt keine Probleme?

F.B.: Doch, das Thema Prüfung stellt uns noch vor eine Herausforderung. Eigentlich wollen wir weg von der Präsenzprüfung. Dafür haben wir jedoch noch keine richtig gute Lösung, die auch vernünftig umsetzbar ist, ohne andere Nachteile zu haben. Wir arbeiten aber daran. In diesem Sommer wird es vielleicht noch auf Präsenzprüfungen im ganz kleinen Kreis hinauslaufen. Teilnehmer aus anderen Bundesländern könnten diese dann in ihrem eigenen Verband ablegen.

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